Lobreden über Robert Habecks Kommunikationsstil gibt es derzeit zuhauf in den Beiträgen und Kommentaren, nicht nur auf LinkedIn. Meines Erachtens völlig zu Recht: die Klarheit, Einfachheit und Leidenschaft, mit der der Vizekanzler kommuniziert, sucht ihresgleichen und findet allenfalls noch in den Reden von Gregor Gysi ein Pendant. Aber warum ist Robert Habeck ein gutes Beispiel in jedem Medientraining?

Was Robert Habeck macht, ist nicht wirklich überraschend. Er kommuniziert so, wie er es schon immer gemacht hat – auch als Bundesvorsitzender der Grünen und als Umweltminister in Schleswig-Holstein. Ungewöhnlich ist allerdings, dass erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein Bundesminister so glaubwürdig und überzeugend auftritt.

Inwiefern die Kommunikation des Vizekanzlers „anders“ ist

Wie macht er das? Habeck überzeugt zum einen damit, dass er viele, sehr plastische Beispiele in seinen Reden präsentiert – von Menschen etwa, die er in der Ukraine getroffen hat. Und er beschreibt nicht nur diese Menschen genau, sondern – erst das macht das Nennen von Beispielen bei öffentlichen Auftritten so wichtig – er sagt auch, was diese Menschen in ihm ausgelöst haben und inwiefern das seine politische Agenda beeinflusst hat. 

Habeck verzichtet zum anderen komplett auf Fremdwörter und Fachbegriffe – das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit, um von einer breiten Öffentlichkeit verstanden zu werden (übrigens auch von dem Teil der Öffentlichkeit, der Fachwörter gebraucht, ohne sie wirklich zu verstehen). Aber auch wenn es eine Mindestvoraussetzung und Selbstverständlichkeit ist, vielen Menschen in Politik und Wirtschaft gelingt es nicht oder nur schwer. Das ist zwar nachvollziehbar, weil sie den ganzen Berufs-Alltag in ihrem Fachjargon unterwegs sind. Jedoch lässt sich es relativ leicht ändern und lernen, dies zu wichtigen Anlässen zu vermeiden.

Die Haltung ist entscheidend – auch beim öffentlichen Auftritt

Und schließlich, das ist der für mich wichtigste Grund dafür, warum Robert Habeck ein „best practice“ für jedes Medientraining ist: er überzeugt und ist überzeugend durch seine Haltung, und das direkt in mehrfacher Hinsicht: Haltung zeigt er, in dem er deutlich macht, dass (politischen) Entscheidungen ein auch innerliches Ringen vorangeht. Habeck wägt Für und Wider ab, nennt Vor- und Nachteile. Und dieses Ringen beschreibt er auch sehr ausführlich bei seinen öffentlichen Auftritten. Es ist ihm auch anzusehen, dass solche Entscheidungen wirklich quälend sein können. Nur auf diese Art wird auch für andere nachvollziehbar, warum der Vizekanzler als ehemaliger Friedensaktivist nun für die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine eintritt.

Wie bringt Robert Habeck dieses Ringen genau zum Ausdruck? Indem er nicht gelernte „Q&As“ präsentiert (das sind Questions & Answers, sorgsam vorbereitete Fragen und Antworten), indem er nicht gebetsmühlenartig Kernbotschaften wiederholt, sondern, indem er seine innere Haltung nach außen kehrt und so im wahrsten Sinne des Wortes „zum Ausdruck bringt“. Im übrigen gehört zu dieser Haltung auch – ganz anders als in der Social-Media-Kommunikationskultur derzeit allgemein üblich -, dass er Verständnis für die Meinung anderer aufbringt, sich deren Argumenten stellt und sich mit ihnen auseinandersetzt.

Warum die Kommunikation von Olaf Scholz auch gut ist

Olaf Scholz macht es ganz anders als Robert Habeck – schon immer. Scholz ist eher ein ruhiger, wortkarger Politiker, der gerne im Hintergrund agiert – übrigens durchaus dem Stil von Angela Merkel vergleichbar. Aber ein solcher Stil verleitet viele Menschen dazu, zu denken, dass er Ausdruck mangelnder Führungsstärke sei. Wie ich finde eine Schlussfolgerung, die weniger durch Fakten als vielmehr durch Vermutungen begründet ist. Wie er sein Team „Bundesregierung“ führt, wissen wir nicht wirklich. Habeck erscheint jedenfalls neben Scholz wie eine Lichtgestalt und der Inbegriff des wortgewandten, überzeugenden und im übrigen auch telegenen Politikers für den öffentlichen Auftritt. Insgesamt aber ist das Duo Scholz und Habeck mit den unterschiedlichen Ressourcen und Qualitäten meiner Meinung nach eine perfekte Mischung für eine diverse Bundesregierung.

Die Rolle von „Best practices“ im Medientraining

„Mache es wie Habeck, dann machst du es richtig.“ Eine solche Schlussfolgerung ist für viele sehr verlockend, wenn sie den Kommunikationsstil von Robert Habeck mit dem von Olaf Scholz vergleichen. Meines Erachtens greift das zu kurz und  „Best practices“ haben im Medientraining eine andere Funktion. Sie sind eben nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass jemand etwas gut macht, dass bestimmte Techniken und Eigenheiten funktionieren. Und nur weil es einer gut macht, heißt das nicht, dass eine Kopie beim anderen dann ebenso gut ist. Im Gegenteil: es geht immer darum, so zu argumentieren, dass es „passt“, zur Funktion und vor allem zur Person. Insofern ist es letztlich wirklich zweit- und drittrangig darüber zu philosophieren, was und wie etwas gesagt wird, wenn die Haltung stimmt. Und daran genau zu arbeiten, darauf kommt es in einem Medientraining an.

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