Souverän vor der Kamera: Authentisch auftreten im Interview

Wissen Sie, was die meisten Leute denken, wenn sie das Wort „Medientraining“ hören?

Sie stellen sich einen ziemlich sterilen Raum vor. Neonlicht. Eine Kamera, die unbarmherzig auf einen gerichtet ist. Und einen Trainer, der einem erklärt, dass man die Hände nicht verschränken darf, weil das angeblich „defensiv“ wirkt. Einem wird eine Liste mit Formulierungen in die Hand gedrückt, die sich kein Mensch im Alltag freiwillig merken würde. Am Ende geht man raus und fühlt sich ein bisschen wie ein Roboter, dem man die Spontaneität genommen hat.

Ganz ehrlich? Wenn das ein Medientraining wäre, würde ich den Job nicht machen.

Weil das genau der Moment ist, in dem die Dynamik stirbt. Und mit Dynamik meine ich: Sie selbst.

Ich sitze oft mit Führungskräften zusammen, die genau diesen skeptischen Blick in den Augen haben. Die Schultern sind hochgezogen, der Fokus liegt starr auf der Vermeidung von Fehlern. Sie kommen zu mir in den Raum und denken, sie müssten sich jetzt in eine völlig andere Version ihrer selbst verwandeln, sobald das rote Licht der Kamera angeht. Sie glauben, sie brauchen eine Schutzrüstung.

Aber die Wahrheit ist genau das Gegenteil.

Sie brauchen keine Rüstung. Sie müssen nicht lauter werden, nicht wichtiger tun und vor allem: Sie müssen im Interview nicht so reden wie ein Geschäftsbericht.

Lassen Sie uns mal die Tür zu diesem Raum aufmachen und reinschauen. Ganz unaufgeregt. Was passiert da eigentlich wirklich, wenn wir uns hinsetzen und an Ihrer Wirkung feilen?

Schritt 1: Die alten Denkmuster beiseiteschieben

Der erste Schritt in einem guten Training hat erst mal gar nichts mit Kameras zu tun.

Wir trinken in Ruhe einen Kaffee oder Tee. Wir setzen uns hin und ich frage ganz simpel: „Was muss heute passieren, damit Sie hinterher sagen: dieses Training hat sich für mich gelohnt?“ und: „Wer sind Sie eigentlich, wenn keine Kamera läuft?“

Das klingt leicht, ist im Alltag aber oft die größte Herausforderung. Die meisten sind so vollgepackt mit dem, was sie glauben sein zu müssen. „Ich muss absolut fehlerfrei wirken.“ „Ich muss unnahbare Kompetenz ausstrahlen.“ „Ich darf mir keine Unsicherheit anmerken lassen.“

Wissen Sie, was passiert, wenn Sie versuchen, krampfhaft Kompetenz auszustrahlen? Sie wirken distanziert. Und das spüren die Zuschauer sofort. Menschen haben ein unheimlich feines Gespür für Zwischentöne. Wir merken nach wenigen Sätzen, ob da ein echter Mensch spricht oder jemand, der gerade ein auswendig gelerntes Skript abruft.

Im Training fange ich deshalb erst mal an, ganz genau zuzuhören. Ich höre nicht nur auf das, was Sie sagen, sondern wie Sie es sagen. Wann fangen Sie an zu leuchten? Bei welchem Thema ändert sich Ihre Präsenz im Raum? Wo wird es plötzlich lebendig und greifbar?

Und genau da setzen wir an.

Sie müssen für die Medien nicht neu erfunden werden. Es geht vielmehr darum, das freizulegen, was ohnehin schon in Ihnen steckt. Nur eben ein bisschen fokussierter für den Moment.

Schritt 2: Der Mythos von der perfekten Antwort

Einer der hartnäckigsten Glaubenssätze, den wir im Training direkt auflösen: „Ich muss auf jede Frage sofort eine geschliffene Antwort parat haben.“

Das müssen Sie nicht. Wirklich nicht.

Wenn Sie ein Journalist etwas fragt und Sie antworten wie aus der Pistole geschossen mit einer glatten PR-Floskel, schaltet das Gegenüber gedanklich ab. Es entsteht kein echtes Gespräch.

Wissen Sie, was viel nahbarer und am Ende auch viel überzeugender ist? Ein ganz natürliches: „Puh. Gute Frage. Lassen Sie mich kurz nachdenken.“

In dem Moment verändert sich die Dynamik im Raum komplett. Sie nehmen den Druck raus – für sich selbst und für Ihr Gegenüber. Eine Sekunde Stille im Radio oder Fernsehen ist keine Todsünde. Es ist ein Atemzug. Es ist der Beweis, dass da gerade ein Mensch auf Augenhöhe nachdenkt und kein Algorithmus auf Autopilot läuft.

Natürlich müssen Sie wissen, was Ihre Kernbotschaft ist und wo Sie im Gespräch hinwollen. Aber der Weg dorthin darf organisch entstehen. Im Unperfekten liegt oft die größte Glaubwürdigkeit.

Schritt 3: Die Sache mit der Kamera (und warum sie Ihr Verbündeter ist)

Irgendwann kommt im Training natürlich der Moment, dass Kamera und Mikrofon eingeschaltet werden.

Und da beobachte ich sie wieder: diese winzige Millisekunde, in der sich das Gesicht anspannt. Die Augen fixieren die Linse, die Stimme rutscht eine Oktave nach oben und der Körper signalisiert Stress.

Was machen wir dann? Wir schauen uns die Aufnahme gemeinsam an.

Das ist für viele im ersten Moment ungewohnt. Man neigt dazu, sich selbst gegenüber furchtbar kritisch zu sein. Ich sage dann immer: „Bleiben Sie ganz entspannt sitzen. Schauen wir uns das wertfrei an.“

Denn das ist unsere Chance, wie ein Bildhauer zu arbeiten, der das Wesentliche herausschält. Wir bewerten die Aufnahmen nicht negativ. Wir analysieren sie systemisch: „Gucken Sie mal, da haben Sie den Gedanken im Sande verlaufen lassen. Und hier, bei Minute zwei, da haben Sie es plötzlich richtig spannend gemacht. Merken Sie den Unterschied in Ihrer Präsenz?“

Nach dem dritten Mal verliert die Technik ihren Schrecken. Die Kamera ist plötzlich nicht mehr der Richter. Sie ist einfach nur ein Spiegel, der Ihnen zeigt, wie Sie bei anderen ankommen und wie Sie diese Wirkung selbst steuern können.

Schritt 4: Wie reden Sie eigentlich? (Spoiler: Bitte so wie im echten Leben!)

Ich bekomme oft Texte vorgelegt, bevor wir ins Training starten: Statements, Pressemitteilungen oder Reden.

Und viele davon klingen extrem hölzern. Niemand spricht im Alltag so. Niemand sagt beim Abendessen: „Im Sinne einer nachhaltigen Etablierung unserer strategischen Ausrichtung streben wir an…“

Sie sagen im echten Leben doch auch eher: „Wir wollen das jetzt einfach anders angehen, weil das alte Modell nicht mehr funktioniert.“

Warum glauben wir eigentlich, dass wir ab einer bestimmten Karrierestufe oder sobald Kamera und Mikrofon in der Nähe sind, in die Verwaltungssprache wechseln müssen?

Im Medientraining machen wir dazu ein kleines Experiment. Ich nehme Ihnen den Text weg und sage: „Legen Sie das Papier mal beiseite. Jetzt erzählen Sie es mir einfach so, als würden wir uns abends entspannt an der Bar unterhalten.“

Und plötzlich verändert sich das Sprechen. Die Sätze werden kürzer. Die Bilder werden anschaulicher. Die Begeisterung für das eigene Thema kehrt zurück.

Der Trick im Medientraining ist oft gar nicht, etwas völlig Neues zu lernen. Es geht eher darum, die angelernten, steifen Worthülsen wieder abzulegen. Sie engen Sie nur ein.

Schritt 5: Wenn die Fragen ungemütlich werden

Natürlich gibt es auch die herausfordernden Momente. Die Situationen, in denen es im Interview ungemütlich wird.

Ein Journalist spricht gezielt einen wunden Punkt an. Jemand unterbricht Sie oder stellt eine Frage, die Sie spürbar fordert.

Die erste, ganz menschliche Reaktion ist oft: in die Verteidigung gehen oder sich rechtfertigen.

Beides nimmt Ihnen im Gespräch die Führung. Wenn Sie sich rechtfertigen, sind Sie in der Defensive.

Was wir stattdessen trainieren, ist eine stabile, innere Haltung. Das Beobachten der Situation. Ein kritischer Journalist macht im Grunde auch nur seinen Job – er testet, wie standfest Ihre Position ist. Wenn Sie ruhig bleiben, die Perspektive des Fragestellers anerkennen und entspannt sagen: „Ich verstehe Ihren Punkt, aber lassen Sie uns auf die Kernfakten schauen“ – dann lenken Sie die Dynamik, ohne konfrontativ zu werden.

Das ist keine mechanische Technik, sondern eine Frage der inneren Sicherheit. Wenn Sie mit sich im Reinen sind und genau wissen, wofür Sie stehen, kann Ihnen ein Gesprächsverlauf nicht so schnell die Balance nehmen.

Schritt 6: Am Ende gehen Sie als Sie selbst aus dem Raum

Das ist mir bei meiner Arbeit das wichtigste Anliegen.

Nach einem guten Medientraining sollen Sie nicht aussehen wie ein glattgebügelter Nachrichtensprecher. Sie bekommen von mir kein starres Verhaltensgerüst übergestülpt.

Sie gehen aus dem Training heraus und wissen: Ich kann mich auf meine Wahrnehmung verlassen. Ich darf mir im Gespräch Zeit nehmen. Und ich muss mich weder künstlich größer noch kleiner machen, als ich bin.

Es geht auf der Medienbühne nicht darum, eine Rolle zu spielen. Es geht darum, die Rolle, die Sie im Berufsleben ohnehin schon ausfüllen – als Gestalter, Entscheider oder Vordenker –, einfach klar, authentisch und nahbar in die Welt zu tragen.

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